Konsequenzen der Professionalisierung von Mediation

 

Zunächst wird jeder einverstanden sein, Mediation der Gesellschaft wertvoll zu machen. Streiten kann man gut über die Frage, ob die Professionalisierung tatsächlich der richtige Weg ist. Doch solange es keine plausible Alternative gibt, ist für uns die Antwort klar: Professionalisierung ist für die Weiterentwicklung von Mediation unverzichtbar. Das erhöht ihr gesellschaftliches Ansehen und die Chance auf eine deutlich zunehmende Nachfrage. Uns scheint die Zeit reif zu sein. Jedoch gibt es diese Veränderung nicht zum Nulltarif. Es erfordert zusätzliche Leistungen und spezifische Konsequenzen für MediatorInnen, Ausbildende und Berufsverbände.

1. Konsequenz für MediatorInnen

 

Entscheidend ist die Fähigkeit und Bereitschaft, sich als Profi mit professioneller Dienstleistung zu identifizieren (vgl. Entwicklungsstufen professioneller Identität). Hier liegt die größte Aufmerksamkeit bei der eigenen Persönlichkeitsentwicklung. Regelmäßige Selbstreflexion professionellen Handelns ist obligatorisch.

1.1  Innerer Auftrag

An erster Stelle steht die Klärung des eigenen inneren Auftrages. Hier gilt es, eine Antwort auf die Frage zu finden: »Was (ver-)leitet mich, wenn ich leite?«. Die Antwort zu finden ist wichtig, um Handlungsklarheit bei Unvereinbarkeiten von innerem Antrieb und Kundenauftrag zu gewinnen (Kann ein engagierter Tierschützer eine Mediation im Schlachthof durchführen?)

1.2 Rollenklarheit

Professionalität erfordert eine ziel- und ergebnisorientierte Bearbeitung des erteilten Dienstleistungsauftrages. Das erfordert einen reflektierten Einsatz der Ressourcen »Macht« und »Empathie«. Diese permanente Reflexion schützt den Kunden vor einer »Zwangs-Beglückung« mit den Idealen des Dienstleisters und erfordert die Ausrichtung der Handlungen an professionellen Standards.

1.3 Kompetenzentwicklung

Kompetenzen befähigen zu sicherem Handeln in unsicheren Situationen. Professionelles Handeln geschieht immer in nicht vorhersehbaren Situationen. Deshalb ist es erforderlich, sich unsicheren Situationen bewusst auszusetzen, um aus dem Erlebten in einer konsequenzenreichen Reflexion Rückschlüsse für die nächste Lernschleife durchzuführen.

1.4 Öffentlicher Auftritt

Klare Beschreibung der Dienstleistung, die keinen Methodenanwender darstellt, sondern beim Interessenten vertrauensbildende und kompetenzzuschreibende Assoziationen auslöst.

2. Konsequenz für Ausbildung

 

Die Ausrichtung der Ausbildungen müsste am Anspruch »professioneller Lösungsbeschaffung« erfolgen und würde damit weit über die Ausbildung »Mediation als Verfahren« hinausgehen.

 

2.1 Einbettung der Dienstleistung in Kontexte

Für professionelles Handeln ist die eigene Vertrautheit mit dem Kontext unverzichtbar. Dazu zählt auch die Akzeptanz der eigenen Handlungsgrenzen bei unvertrauten Kontexten. Alternativ kann auch eine bewusste Grenzerweiterung unter professioneller Begleitung erfolgen.

 

2.2 Professionelle Auftragsklärung und Auftragsdurchführung

Die Befähigung zum hermeneutischen Rekurs bildet die Voraussetzung für das »Fallverstehen« als diagnostische Kompetenz, um theoriegeleitet zwischen den Zeilen lesen zu können. Die »Story« des Klienten bildet die Basis, um einerseits seine Not zu erfassen und andererseits die Veränderungsbereitschaft zu überprüfen (vgl. Konflikt und Zustand).

2.3 Weitere Formen professioneller Lösungsbeschaffung

Neben Mediationskompetenz ist Coachingkompetenz eine weitere Mindestvoraussetzung. Zusätzlich stärkt ein Netzwerk mit Dienstleistern anderer Disziplinen die Professionalität, um im Bedarfsfall andere Profis empfehlen zu können.

Die Vernetzung mit Anbietern anderen Disziplinen, die der Lösungsbeschaffung nahe stehen (Organisationsentwicklung, Personalentwicklung, Supervision, Juristen, Projektmanagement, …), ist obligatorischer Bestandteil von Ausbildungen.

 

2.4 Situative Anpassungen

Da Professionen keine Rezepte abarbeiten, wird das eigene Beratungshandeln immer wieder an die Gegebenheiten angepasst. Als Schutz vor Beliebigkeit dient die fachliche Begründung des Handelns.

2.5 Praxisbezug

Ausbildungsteilnehmer stehen von Beginn an mit der Realität in Kontakt. Statt Rollenspiele werden reale Fälle bearbeitet, die auch Simulationsanteile als Übungsfeld enthalten. Zuerst als Reflexion, um professionelles »Fallverstehen« einzuüben, dann in Assistenz von Profis und schließlich in supervidierten Eigenregie.

3. Konsequenz für Berufsverbände

Die Verbände sind der beste Ort, um Berufsbild(er) für die gesellschaftliche Erkennbarkeit zu schaffen. Dafür müsste die Darstellung von »Mediation als Verfahren«  beendet werden und die Selbstdarstellung an den bereits etablierten Berufsverbänden mit hoher gesellschaftlicher Akzeptanz ausgerichtet werden.

3.1 Strategieentwicklung

Berufsverbände brauchen eine erkennbare und transparente Strategie, um professionelle Mediation in der Gesellschaft zu etablieren. Dazu wäre es erforderlich, dass sie ihr Selbstbild, ihre Strukturen und ihre Arbeit an Stufe 3 der »Profis« ausrichten.

3.2 Professionelle Standards

Die derzeitige Qualitätsdefinition müsste  um die Definition »Professionelle Dienstleistung« erweitert werden. Sie sollte einen Kompetenz,- Kontext- und Klientenbezug beinhalten. Auf dieser Definition könnten die Anforderungen an Ausbildungen in »Dienstleistung der professionellen  Lösungsbeschaffung« abgeleitet werden. Ist dies geschehen, wären drei weitere Aufgaben die Folge:

a) Formulierung einer Berufsethik


b) Definition von Qualitätsstandards der »Dienstleistung Mediation«


c) Definition von Qualitätsstandards der »Ausbildung in Mediation« (basierend auf b.)

3.3 Auftrag an Profis der Fachgruppen

Die kontextbezogenen Fachgruppen der Verbände könnten die praxisrelevanten Grundlagen liefern und ihre Bewertung auch an der Marktresonanz ausrichten. 

3.4 Darstellung von Fachmediation

Hier gilt es nun, den Anschluss an die Gesellschaft zu sichern. Dafür ist eine Darstellung erforderlich, welche die Realität der Dienstleistungen von Profis widerspiegelt und damit stärkt:

→ Glaubwürdig

→ Alltagstauglich

→ Nutzenorientiert

Prof. Dr. Alexander Redlich bei einer Fachkonferenz mit 86 MediationsausbilderInnen

Entwicklungswege der Mediation

mit Prof. Dr. Alexander Redlich

Im Mai 2018 fand in München eine Fachkonferenz mit 86 MediationsausbilderInnen statt.

Dort wurde in 14 Kleingruppen die Differenz zwischen Ideal und Realität von Mediation mithilfe des Wertequadrats erörtert.

Anschließend stellte Prof. Dr. Alexander Redlich seine Interpretation der Ergebnisse vor.