Corona-Krise deckt Systemfehler auf.
Auch die der Mediation.
Es gibt ein weit verbreitetes Mediations(miss)verständnis:
Die ideale Form der Konfliktbearbeitung beruht auf Freiwilligkeit, Vertraulichkeit, Eigenverantwortlichkeit und Stärkung der Autonomie. Eine zutiefst empathische, allparteiliche und vertrauenswürdig verschwiegene dritte Person ist die ideale Befähigerin. Werden zwei streitende Individuen in dieser Form bearbeitet, finden sie zu ihrer Lösung, weil sie ja schließlich die wahren Experten ihres Konfliktes sind. Dass dieses Mediationsverständnis richtig ist, beweist seine gesetzliche Verankerung.
Welch ein (Un)Glück.

Vertraulichkeit hört sich gut an. Doch oft dient sie auch der Tarnung von Verantwortungslosigkeit.

Eigenverantwortung ist gut. Es ist aber nur ein Teil der Lösung und deshalb zu wenig, weil es auch eine kollektive Verantwortung gibt, die Individuen nur gemeinsam wahrnehmen können. Die Eltern sichern das Kindeswohl nur dann, wenn sie die Verantwortung gemeinsam tragen und sich wechselseitig darin stärken. Die Mitarbeitenden einer Abteilung tragen auch Verantwortung für Sicherung ihrer Existenz und Zukunft. Und zwei streitende Unternehmen tragen Verantwortung für ihren Projekterfolg.

Die Menschheit trägt Verantwortung für den Klimawandel und auch für den Umgang mit COVID-19. Wenn Individuen ihre Verantwortung fürs Kollektiv ausblenden, kann das tödlich enden.

Und eine Mediation, die auf der vertraulichen Ergründung individueller Interessen und Bedürfnisse beruht, fördert das Ausblenden kollektiver Verantwortung.

Das verkürzt Lebenszeit von Menschen und Mediation.

Es ist höchste Zeit, die Mediation mit ihren ethischen Grundsätzen aus dem letzten Jahrhundert an die Erfordernisse des radikalen gesellschaftlichen Wandels anzupassen.

 

Wenn nicht jetzt, wann dann?